2019 Allgemein

Erfahrungsberichte zum Mauerfall vor 30 Jahren

Bild von Thomas Ulrich auf Pixabay

West-Berlin 9.11.1989, Nachmittag. 

Mein Telefon klingelt, ein Freund ist dran und fragt mich, wie ich es finde, dass die Mauer offen ist. Meine erste Reaktion ist zu fragen, ob das jetzt die Retourkutsche für meinen Streich zum 1. April werden soll, auf den er hinein gefallen war. Doch der schnell eingeschaltete Fernseher belehrt mich eines Besseren. Es gab eine Pressekonferenz, in der Schabowski gesagt hat, dass jederzeitige Ausreise ab sofort möglich sei.

Da das aber eine Fehlinformation war, dauert es noch eine Weile, bis am ersten Grenzübergang tatsächlich die Tore geöffnet werden. Der verantwortliche Offizier entscheidet, dass er keinen Zwischenfall mit der großen Menschenmenge riskieren will, die sich am Grenzübergang versammelt hat und nach West-Berlin will.

Nachdem die Nachrichten sich häufen, dass immer mehr Grenzübergänge öffnen und die City von West-Berlin so etwas wie eine flächendeckende Party wird, hält es auch mich nicht mehr zuhause. Auf zum Ku-Damm, mehrere Freunde dort treffen und gemeinsam die Ostberliner begrüßen. An Vorwärtskommen auf der Straße war nicht zu denken, alles voller Menschen, die einfach feierten. Ein Hauch von David Bowie’s ‚Heroes‘ in der Luft [1]. Zwei Jahre zuvor hatte das Konzert mit Bowie, Genesis und anderen vor dem Reichstag [2] zu Ausschreitungen auf der anderen Seite des Brandenburger Tors geführt.

Alles schien möglich. Die Löcher in der Mauer wurden in den nächsten Wochen und Monaten immer größer. Aber dann kam Kohl mit seinen blühenden Landschaften, die tatsächlich Ausverkauf und Vetternwirtschaft waren. Die Mauer sind wir los, aber die Folgen von Treuhand und verschleppter Aufarbeitung von Stasi&Co sind nicht vergessen. Leider wurden viele Chancen, die sich aus der Wiedervereinigung hätten ergeben können, einfach für kurzfristige Profite verschleudert.

Chancen sollten wir in Zukunft besser nutzen, nicht nur für die Leute, die der grad amtierenden Regierung verbunden sind.

Plau am See 9.11.1989

Als damaliger Jugendlicher ist der 9. November 1989 an mir vorbei gegangen. Ich war zu diesem Zeitpunkt „Insasse“ des Spezial-Kinderheims Berliner Bär in Plau am See. Wahrscheinlich aus diesem Grund habe ich keinen Bezug zum 9. November.

Für uns Jugendliche war dies ein normaler Tag. Erst als die Einrichtungen ‚Spezial-Kinderheime‘ (SKH) Anfang bis Mitte 90 geschlossen oder umgewandelt wurden [3], gab es für mich einen Bezug zur Öffnung der Mauer. Aber auch nach der eiligst herbeigeführten Entlassung aus der Einrichtung konnte über die neu gewonnene Freiheit keine „Freude“ aufkommen.

Ich habe noch bis weit in die 2000er gebraucht, um meine Erlebnisse wie Quälereien, Schläge, Isolation und Missbrauch, die ich von 1982 an erleben durfte, zu verarbeiten. Ich genieße mittlerweile jeden Tag meiner Freiheit, aber für mich persönlich spielt auch 30 Jahre nach dem 9. November 1989 dieser Tag keine Rolle in meinem Leben.

Braunschweig, 09.11.1989, ca. 17:15 Uhr

Ein Vorlesungstag an der Uni war beendet. Ich war auf dem Heimweg. Direkt vor der roten Ampel am John-F.-Kennedy-Platz kam im Radio die Nachricht, die Grenze wird geöffnet. Eine Mischung aus Unglaube und Freude fuhr in mich. Auf nach Hause.

Der Fernseher ging sofort an. Ab durch alle Kanäle (West- und Ost-Fernsehen). Nachrichten verfolgend. Die ganze Nacht.

Irgendwann war es eindeutig, die Grenze wurde geöffnet. Bestätigt kurze Zeit später, als die ersten Trabbies anfingen um die Ecke zu parken. Das Ungläubige in mir hielt bis hier hin an.

Aufgewachsen in einer Entfernung von knapp 2 km Luftlinie zur Grenze. Ein Ort wo man oft war, auch anderen aus dem tiefsten Westen gezeigt hatte, was dort war, die das überhaupt nicht verstehen konnten. Ebenso die bewegliche Grenze im Tagebau Helmstedt. Hötensleben [4] im heutigen Sachsen-Anhalt war der Ort – unerreichbar hinter einer gut bewachten Mauer – ich fing an zu weinen, und das mit 24 Lenzen.

Ich war mit dieser Grenze groß geworden. Ich wollte sie nie. Für mich war es eine riesen Freude, dass ich vermutlich endlich meine Verwandten in der DDR besuchen könnte, ohne den Aufwand den man davor hatte.

Erst Tage später begriff ich, dass dieses ‚mit einer Mauer großwerdend‘ für mich ein Trauma war. Und wirklich verstanden erst dann, als ich nicht einen Monat später meine Verwandten mit Kuchen dabei in Bleicherode/Thüringen besucht hatte. Mit zum ersten mal freundlichen Grenzern beim Übertritt.

Irgendwo in Westdeutschland, 09.11.1989

Ich war auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Musste rechts ranfahren, weil ich wegen Tränen nicht weiterfahren konnte. 

Mein Vater war bei der Ständigen Vertretung in Berlin beschäftigt und für die Betreuung und „Freikaufen“ von politischen Häftlingen zuständig. 

Und natürlich im Visier der Stasi. 

Seine Stasiakte haben wir. 

Auch wenn es deutlich schwerer Betroffene in der DDR gab. Mir hat es gereicht, die Akte zu lesen.

München, 09.11.1989

Als die Nachricht von der Öffnung der Deutsch-Demokratischen Republik in die Städte der Bundesrepublik ankam, packten einige Leute die ich kannte, sofort ihren Koffer und fuhren direkt nach Ostberlin. Damit begann die Abzocke und das Übergreifen des Kapitals. Und es waren wieder die Männer, die die Sau raushängen ließen.

Der Sieger bekommt alles?

Dem Deutschen verfolgen die Niederlagen der letzten Kriege und so war der Untergang der SED ein vorgestellter Sieg des deutschen Kapitalismus. SIEG!

Was für eine hohle Lüge.

Ich war um den 9. November im 9. Monat schwanger. Wohnte in München und bereitete mich auf eine Hausgeburt vor. Der biologische Vater meiner Tochter war einer der „sofort vor Ort in Ostberlin sein“ müssender Angeber. Er fuhr sofort mit seinem Kumpel los. Mit einer Filmkamera und einem Tonband. Als Journalist. Aufschneider und Sextourist behaupte ich. Die Frauen werden vom Sieger immer als neuen Besitz annektiert, gerade im Kapitalismus. Als meine Tochter zur Welt kam, habe ich 10 Tage später unsere Sachen gepackt und bin in eine neue Wohnung umgezogen. Ich hatte mehrere Nachbarinnen in den nächsten Jahren, die aus „Ostzone“ nach München kamen. Vernünftige Frauen sind das. Ihre Geschichten haben sie mir erzählt. Ich denke, das ein Austausch, gerade über die traumatischen Ereignisse, heilsam sind. Und uns näher gebracht haben. 

In alten Zeiten, als die deutschen Familien noch an ihren Feuern saßen, um sich dort über den Tag zu unterhalten, um ihre persönlichen Erlebnisse und Empfindungen auszutauschen, oder einfach ins Feuer zu schauen und zu träumen, kann die Gier und der Neid auf alles Andere nicht so zwanghaft gewesen sein. Das glaube ich! 😉

Niemegk (Potsdam-Mittelmark), 9.11.1989

Ich war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt. An diesem Abend schauten wir Fernsehen. Als wir die Öffnung der Mauer mitbekamen, wollten wir es nicht glauben. Diese Veränderung war zu krass, unbegreiflich. Unsere Freude war zurückhaltend, weil wir noch Zweifel hatten, ob alles wahr war. Aber die Nachrichten zeigten immer wieder, dass die Grenzen nun geöffnet sind. Wow …!

Erst Ende November fuhren wir dann in den Westen. Nach Charlottenburg, Wilmersdorfer Straße. Ich kann mich noch sehr gut an die lange Warteschlange vor der Bank erinnern. Es ging die Nachricht um, das es eine Ecke weiter eine Bank ohne Warteschlange gibt. Also gingen wir zügig dorthin. Und siehe da, es stimmte. Unsere Familie bestand aus 5 Personen. Wir hielten dann plötzlich 500 DM in den Händen. 1000 Ost-Mark, mehr als ein Monatslohn meiner Eltern. Was sollten wir kaufen?? Fernseher? Radio? Letztendlich durfte ich mir einen Walkman kaufen (20 DM) und den Rest legten wir zusammen und kaufen eine Stereoanlage. Heute muss ich darüber schmunzeln. Aber so war es nun mal gewesen. Ich kann mich noch sehr gut an den ganzen Glanz der Schaufenster in dieser Einkaufsmeile erinnern. Ich war tief beeindruckt. Der Westen war schon cool. Mein Leben zu DDR-Zeiten fand ich aber trotzdem ganz gut. Ich hatte keine schlechten Erfahrungen gemacht (außer bei einer 4 Wochen Kur in der 6. Klasse).

Ich wollte damals Pilot werden und hätte deshalb in der Armee tolle Möglichkeiten gesehen. Damals hatte ich keine Ahnung & auch kein Interesse an Politik, fand die Technik an sich aber sehr spannend. Heute habe ich da einen ganz anderen Blick drauf. Als Kind und Jugendlicher erkennt man die Zusammenhänge noch nicht. Meine Eltern waren damals politisch in der LDP(D) aktiv, hatten immer wieder Auseinandersetzungen mit SED-Kollegen.

Später, im Sommer 1990, fuhren wir dann nach Westdeutschland (Mannheim) und besuchten Verwandte. Meine Eltern kauften sich einen alten roten Mitsubishi Colt. Schon nach wenigen Kilometern standen wir mit einer Panne am Straßenrand. Motorschaden. Geld weg. Auto im Arsch. Kein Geld für die Zugfahrt nach Hause. Irgendwie klappte es dann doch mit der Heimfahrt. Wir fuhren in einem vollkommen überfüllten Zug gen Osten, kauerten die ganze Fahrt über auf dem Gang. Wir waren bitter enttäuscht, traurig und wütend.

Willkommen im Westen! 

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/%E2%80%9CHeroes%E2%80%9D_(Lied)
[2] https://www.deutschlandfunk.de/die-musik-ueberwindet-die-mauer.871.de.html?dram:article_id=207770
[3] https://www.landesbeauftragter.de/fileadmin/user_upload/downloads/publikationen/Der_letzte_Schliff-Inhalt_Web.pdf
[4] Grenzdenkmal Hötensleben https://www.grenzdenkmal.com/

Diese Sammlung von persönlichen Geschichten zum 9.11.1989 soll weiter wachsen, erzähle auch Deine Geschichte.

  1. Ich finde es Hochnotpeinlich beim Thema „Erfahrungsberichte zum Mauerfall vor 30 Jahren“ nur Berichte, besser – Nichtberichte von Westdeutschen zu veröffentlichen… Aber vieleicht zeigt gerade das ein Problem der Piraten in Brandenburg… wie viele der Vorstände sind denn im Osten aufgewachsen und verstehen die Sprache der Menschen in Brandenburg? Die Letzte Wahl gab dazu eine deutliche Antwort!

    • Marko Tittel

      Hallo Sigi,
      es gibt auch Ossi’s im Vorstand der Brandenburger Piraten. Ich bin z.b. Einer. Auch folgt noch mindestens ein Beitrag aus dem Osten. Die Rangfolge oder „Auswahl“ (die gab es nämlich nicht, jeder der geschrieben hat, wurde auch bisher veröffentlicht) der Erfahrungsberichte hat absolut nichts mit Ost-West zu tun. Ich habe meinen Artikel schlichtweg als letzter geschrieben.
      Mir persönlich ist es vollkommen Wurst, wer woher stammt. Ich habe z.b. erst durch das Besprechen dieses Artikels erfahren, wer im aktuellen Vorstand aus dem Westen und Osten stammt. Es interessiert mich einfach nicht (mehr). Viel wichtiger ist es für mich, wie die Interessen der hiesigen Einwohner vertreten werden. Und da kann ich nichts Negatives feststellen.
      VG

      • Marko Tittel

        Nochmal zum Verdeutlichen:
        Ich bin also ein echter Brandenburger: in Brandenburg geboren, aufgewachsen (Kita, Schule, Ausbildung, Studium) und arbeite und lebe immer noch in Brandenburg. Ich verstehe also durchaus die Brandenburger.

    • Hallo Sigi, ich bin Ostdeutscher und Vorsitzender der größten Untergliederung in Brandenburg. Ich hätte gerne auch einen Bericht geschrieben, nur war ich im betreffenden Zeitraum gerade auf dem Bundesparteitag und konnte daher die Frist nicht halten. Wer mich näher kennt, weiß, dass ich ein leidenschaftlicher Fürsprecher für die Menschen hier bin und immer für eine differenzierte Sicht auf „den Osten“ werbe. Gerne sammeln wir aber auch neue Ideen und Anregungen. Also lass uns ruhig wissen, wenn dir ein Thema zu kurz kommt.

      • Guido Körber

        Der Artikel „lebt“ aber, wir ergänzen weitere Geschichten, wenn jemand seine Geschichte erzählen möchte. Grad ist wieder eine dazu gekommen.

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